Vorschau Wintersemester 2018/19

50 JAHRE IN BEWEGUNG - 1968 UND DIE FOLGEN

Nach der Bürger-Uni ist vor der Bürger-Uni: Nachdem in der Reihe "50 Jahre in Bewegung - 1968 und die Folgen" bereits am 25. Mai und 8. Juni 2018 über die Themen "Demokratie für alle - Ist der 68er-Aufbruch in Gefahr?" und "Entfesseltes Ich - 1968 und das Experiment mit neuen Lebensformen" diskutiert worden ist, stehen im Wintersemester die Aufarbeitung des Holocaust und die Theoriebeflissenheit im Fokus.

1968 gilt bis heute als ein symbolisch aufgeladener Wendepunkt in der jüngeren gesellschaftlichen und politischen Geschichte. Üblicherweise steht das Jahr für den Aufbruch eines neuen demokratischen Denkens, die sexuelle Befreiung sowie die Emanzipation der Frau, die Abrechnung der Jüngeren mit der Schuld der älteren (Kriegs-)generation, die juristische Aufarbeitung des Holocaust und die Liebe zur Theorie. Die Bürger-Universität widmet sich 50 Jahre nach „1968“ an insgesamt vier Abenden verschiedenen Facetten dieser Entwicklungen und versucht dabei auch, die Ambivalenz dieses Erbes zu beleuchten. 

Nachbericht der Bürger-Uni-Abende »Demokratie für alle« und »Entfesseltes Ich« hier lesen »

Veranstalter Eine Kooperation der Goethe-Universität mit dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“ und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


22/11/2018 19:30 Uhr

ERINNERN, BEKENNEN, SCHULD, AUFARBEITUNG 
1968 und der Holocaust

Schon deutlich vor der eigentlichen 68er-Zeit hatte in der deutschen Gesellschaft ein neues Bewusstsein im Hinblick auf dem Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus eingesetzt und der Rolle der s.g. „Tätergeneration“, die sich nach dem 2. Weltkrieg in allen Teilen des gesellschaftlichen Lebens wieder in wichtige Funktionen eingetreten waren. Es war insbesondere der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. 1959 erreichte Bauer, dass der Bundesgerichtshof die „Untersuchung und Entscheidung“ in der Strafsache gegen Auschwitz-Täter dem Landgericht Frankfurt am Main übertrug. Auf Weisung Bauers leitete die dortige Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen vormalige Angehörige und Führer der SS-Wachmannschaft des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz ein. Der erste Auschwitzprozess in Westdeutschland, die „Strafsache gegen Mulka u. a.“, wurde schließlich im Dezember 1963 gegen 22 Angeklagte vor dem Landgericht Frankfurt eröffnet. Der Frankfurter Prozess kann als Initialzündung bezeichnet werden für ein verändertes Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit gegenüber den Verbrechen der Tätergeneration. An diese Aufarbeitung knüpfte die 68er-Bewegung an. Diese kann insofern auch als eine Art Abrechnung gesehen werden mit autoritären Väterfiguren verbunden mit dem Wunsch, das dahinterliegende, totalitäre Denken ein für alle Mal zu überwinden. Gleichzeitig wird die Schuldfrage an den Verbrechen der Nazis klar zur Sprache gebracht und im öffentlichen Bewusstsein als eine kollektive Form der Erinnerungskultur verankert.

Podiumsgäste u.a.: Marianne Leuzinger-Bohleber (Psychoanalytikerin, ehemalige Leiterin des Sigmund-Freud-Instituts), Prof. em. Michael Stolleis (Rechtshistoriker, Goethe-Universität), Dr. Tobias Freimüller (Historiker, stellv. Direktor des Fritz-Bauer-Instituts), Dr. Götz Aly (Historiker, Politikwissenschaftler und Publizist)

Moderation: Sandra Kegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Veranstaltungsort: Stadtbücherei, Zentrabibliothek, Hasengasse 4

Beginn: 19.30 Uhr


06/12/2018 19.30 Uhr

HAUPTSACHE EINE THEORIE?
1968 und die Exklusivität des Diskurses

Der hermetische Sprachgestus („Jargon der Eigentlichkeit“ mit dem Kehrreim „Eigentlichkeit des Jargons“) der 68er ist legendär und wurde Jahrzehntelang liebevoll gepflegt. Dabei entstanden hochabstrakte Sprach- und Diskursformen, die zu einer starken Exklusivität und in der Folge auch zu Herausforderungen bei der gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit führten. Daraus folgte ein interessanter Widerspruch: Einerseits dem Ideal der demokratischen Aufklärung verpflichtet und damit eigentlich auch einer Demokratisierung emanzipatorischen Gedankenguts, waren aufgrund des hohen Abstraktions- und Komplexitätsgrades vieler 68er-Theoretiker deren Popularisierungsressourcen doch sehr beschränkt. Andererseits hat gerade diese Liebe zur Theorie allen Versuchungen anderer Denkrichtungen widerstanden, auf gesellschaftlich-politische Phänomene allzu einfache pragmatische Antworten zu geben und damit in der Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen den wirklichen Kern zugunsten eines evidenten Augenscheins zu verfehlen oder zu kurz zu springen. Vielleicht ist es auch dieser Umstand verbunden mit einem starken, normativen Gerechtigkeitsgestus, der die besondere Wirkung der Kritischen Theorie – auch global – ausmacht. Der Abend widmet sich daher u.a. der Frage, was von diesem Denken unter den Bedingungen der heutigen gesellschaftlichen Realitäten noch zeitgemäß, ja zukunftsweisend bezeichnet werden kann. Verdrängt am Ende ein immer dominanter werdender Pragmatismus das Interesse an Theorien schlechthin? Und welche Folgen hätte eine solche Entwicklung?

Podiumsgäste u.a.: Jürgen Kaube (Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung), Klaus Günther (Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht, Goethe-Uni), Philipp Felsch (Juniorprofessor für Geschichte und Humanwissenschaften, Autor von "Der lange Sommer der Theorie"), Rolf Wiggershaus (Philosoph und Publizist, Autor von „Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung“)

Moderation: Dr. Olaf Kaltenborn (PR & Kommunikation, Goethe-Uni)

Veranstaltungsort: Stadtbücherei, Zentralbibliothek, Hasengasse 4

Beginn: 19.30 Uhr