Wir wir wurden, wer wir sind - Deutsche Biografien

Die Vortragsreihe Wie wir wurden, wer wir sind stellt jedes Sommersemester bekannte deutsche Biografien vor. Welche Spuren, der historisch soziale Erfahrungsraum zweier Diktaturen im Erlebniszusammenhang einer Person hinterlässt und wie diese an nachwachsende Generationen weitergegeben werden, zeigt sich kaum so deutlich wie an den Ereignissen und Biografien, die unter dem Stichwort „68“ erinnern und in diesem Jahr vielfach gewürdigt werden. An exemplarischen Lebensgeschichten, die die Vorgeschichte und frühen Anfänge ebenso wie die Nachklänge, Prominenzen ebenso wie verhängnisvolle Verirrungen einschließen, vergegenwärtigen wir wichtige Stationen der deutschen Sozial- und Kulturgeschichte, Vorgänge, durch die wir wurden, wer wir sind.


09/04/2018 19.30 Uhr

WOLF BIERMANN
Warte nicht auf bessere Zeiten

Der Liedermacher Wolf Biermann, Sohn eines Hamburger Hafenarbeiters, übersiedelte sechzehnjährig im Jahr 1953 in die DDR, geriet als überzeugter Kommunist und aufgrund seines öffentlichen Engagements für die Meinungsfreiheit mit der politischen Führung in Konflikt, die darauf im Jahre 1976 mit der Ausbürgerung nach Westdeutschland reagiert. Wie keine andere Biografie bündelt die Geschichte Biermanns die kulturellen Verwerfungen der deutschen Geschichte im Schatten von Nationalsozialismus, kommunistischer Diktatur und Aufbruch der Nachkriegszeit.

Referent Prof. Tilman Allert lehrt Soziologie und Sozialpsychologie an der Goethe Universität Frankfurt   

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16/04/2018 19.30 Uhr

ULLA HAHN
Marxismen und Lyrismen

Keine andere deutsche Lyrikerin ist beliebter, kaum eine andere deutsche Romanautorin erfolgreicher als Ulla Hahn. Mit ihrer von 2009 bis 2017 erschienenen autobiographisch grundierten Trilogie um die jungen Jahre der Schriftstellerin Hildegard Palm hat sie einen Schlüssel zum Selbstverständnis ihrer eigenen Persona bereitgestellt. Die politische Sozialisation und Desillusionierung der Achtundsechzigerin spielt dabei eine zentrale Rolle.

Referent Andreas Platthaus leitet das Ressort Literatur und Literarisches Leben in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

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07/05/2018 19.30 Uhr

ULRIKE MEINHOF
Die Geburt der Radikalität aus dem Geist der Ambivalenz

Die Frage, wie eine Musterstipendiatin des deutschen Volkes zum „Staatsfeind Nr. 1“ werden konnte, ist ein andauerndes Rätsel. Klarer lässt es sich fassen, seitdem Ulrike Meinhofs Semesterberichte an die Studienstiftung veröffentlicht wurden. Der Vortrag entfaltet vor diesem Hintergrund die Skizze ihres Lebens, in dem ihr Vater, der Kunsthistoriker Werner Meinhof, eine bislang verkannte Schlüsselstellung einnimmt. Sein  Plädoyer, den Mängeln der Welt mit ästhetischer Ambivalenz zu begegnen, ließ Ulrike Meinhof zunehmend im politischen Radikalismus hinter sich. Die Welt verlangte Entschiedenheit, bis in den Tod. Das christliche Versprechen auf spätere Erlösung war abgelöst durch die säkulare Sehnsucht, jetzt zu handeln und alle Neigung zur verzögernden Ambivalenz radikal hinter sich zu lassen.

Referent Prof. Matthias Bormuth lehrt Vergleichende Ideengeschichte an der Universität Oldenburg

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14/05/2018 19.30 Uhr

GUDRUN ENSSLIN
Die Dämonen des deutschen Familienromans

Das sogenannte „Rote Jahrzehnt“ zwischen 1967 und 1977 umschreibt im Kern einen Generationenkonflikt, der sich grell und folgenreich in der Karriere von Gudrun Ensslin spiegelt. Der bedingungslose, leere Existenzialismus ihres Eintretens für die Ziele der RAF bedarf einer Erklärung, die im Klischee der hypermoralischen Pfarrerstochter nicht aufgeht. Ihre Geschichte bleibt ein Rätsel, zumal es außer wenigen Dokumenten aus ihrem Privatleben sowie einigen Haftkassibern wenig über sie bekannt ist.

Referent Gerd Koenen ist Publizist und Historiker

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28/05/2018 19.30 Uhr

RUDI DUTSCHKE
„Ohne Provokation werden wir gar nicht wahrgenommen“

Im Fernsehinterview mit Günther Gaus im Dezember 1967 gab  Rudi Dutschke, die Symbolfigur der Außerparlamentarischen Opposition (APO),  zu Protokoll: „Ich halte das bestehende parlamentarische System für unbrauchbar.“ Was sollte an die Stelle der etablierten Ordnung treten? Was bedeutete das von Rudi Dutschke propagierte „Prinzip der begrenzten Regelverletzung", der Provokativen durch Aktion? Kurz vor dem Mauerbau in den Berliner Westen geflohen, wurde Rudi Dutschke binnen kurzem zum charismatischen Sprecher einer antiautoritären Neuen Linken, die transnational den Mobilisierungsprozess der 68er-Bewegungen anfachte. Der Vortrag skizziert die weichenstellenden Stationen seiner Biographie und setzt sich mit der Aktions- und Transformationsstrategie sowie der Zukunftsvision Rudi Dutschkes auseinander.

Referentin Prof. Ingrid Gilcher-Holtey lehrt Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld

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11/06/2018 19.30 Uhr

INGEBORG BACHMANN
Ich existiere nur, wenn ich schreibe

Es gibt eine Vorgeschichte der Kulturbewegung der 68er. Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann steht im Zentrum der deutschen Nachkriegsliteratur. In ihrem Werk, in philosophischen Reflexion ebenso wie in ihren Gedichten, in der Lebensgeschichte verflochten durch eine Reihe komplizierter Liebesbeziehungen repräsentiert sie den geistigen Horizont einer Zeit vor dem kulturellen Aufbruch. Der Vortrag widmet sich den geschichtlichen Grundlagen einer dauerhaften Faszination an ihrer Person.

Referentin Dr. Ina Hartwig ist Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt

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